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Zukunft der europäischen Energieversorgung

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25.09.2011 - Dr. Wolfgang Hahn stellt hinter das Thema ein Fragezeichen. Haben wir eine gemeinsame Wirtschaftspolitik oder eine gemeinsame Außenpolitik? Hahn stellt fest: "Eine gemeinsame Energiepolitik haben wir ganz sicher nicht!" - Der durch die Energiekosten entstehende Wettbewerbsnachteil deutscher Unternehmen sei gigantisch.

Quelle:
Straßburger Arbeitskreis Europa (15.09.2011)
Bericht zu einem Vortrag von
Dr. Wolfgang Hahn, Geschäftsführer der
ECG Energie Consulting GmbH, Kehl

 

Vorbemerkung

 

Dr. Hahn fragt, welche Energiepolitik haben wir in Deutschlland, welche in der EU und wie könnten sich beide Politiken in den nächsten Jahren abgestimmt treffen. Man klagt über die Energiewende bzw. z.B. in Frankreich über die Dreistigkeit der Deutschen, eine radikale Initiative einer Energiewende zu ergreifen, ohne zuvor diese Politik mit den Nachbarländern abzustimmen.  Auch aus technischer Sicht habe es genügend Diskussionsmöglichkeiten gegeben.

Dr. Hahn unterstreicht als unabhängiger Energieberater seine parteiliche Unabhängigkeit. Er sei auch kein militanter Befürworter der Kernenergie. Er habe bereits vor 20 Jahren über die Nutzung nachwachsender Rohstoffe promoviert und befasse sich seit 16 Jahren mit regenerativen Energien. 

Strompreisentwicklung


Dr. Hahn präsentiert eine Grafik über die Strompreisentwicklung an der Leiziger Börse zwischen dem 1.1.2008 und dem 1.10.2011. Es zeigt die Preisspitze zum Zeitpunkt der ersten Krise in 2008 (90 €/MWh) die sich bis März 2010 etwa halbierte. Im weiteren Verlauf macht Dr. Hahn auf ein Phänomen im März 2011 aufmerksam. Hier zeigt sich innerhalb weniger Minuten ein Preissprung, der nicht etwa am Tag der Fukushima-Katastrophe erfolgte, sondern - wie eine Feinanalyse belege - unmittelbar mit der während eines Interviews von Angela Merkel um 15:00 erfolgten Ankündigung der Schließung von 8 Kernkraftwerken in Deutschland. Eine Ankündigung, die offenbar nicht mit den europäischen Nachbarn abgestimmt war und europweit diesen Preissprung bewirkte.

Die Börse, deren Verhalten gerne auch die vermutete Zukunft beschreibt, reagierte darauf unmittelbar mit einem sprunghaften Anstieg der Strompreise und signalisiert damit ein zukünftig höheres Preisniveau. In den darauffolgenden 3 Monaten wurde ein Scenario entwickelt, wie Deutschland bis 2020 alle Kraftwerke abschalten wolle. Dr. Hahn vermisst bei allen Politikern mit Sachkenntnis den Mut, zumindest in einer Größenordnung öffentlich zu erwähnen, welche Konsequenzen aus dieser Energiewende für die Preisentwicklung erwachsen.

Gaspreisentwicklung 


Um diese Entwicklung enschätzen zu können, bedürfe es zunächst einer Erklärung für das bisherige Verhalten der Gaspreise, die zum großen Teil marktbestimmt seien. Der Gaspreis hat sich Mitte 2008 von etwa 42 €/MWh innerhalb von etwa einem Jahr auf mehr als die Hälfte reduziert, weil mit der damaligen Krise insbesondere die metallverarbeitende Industrie (z.B. Stahlindustrie, Papierindustrie) nur noch die Hälfte des geplanten Gasbedarfs benötigte. Die Gaspreise seien damals wegen eines Überangebotes an Erdgas im europäischen Markt gefallen.
Diese Preisentwicklung in 2008 beruhte also nicht auf geringerer Verfügbarkeit, sondern auf einer vor der Krise stark gestiegenen Nachfrage. 

Die Energiewende wird dazu führen, dass wir so gut wie möglich regenerative Energie erzeugen,
dass wir auf Kohlekraftwerke so gut wie möglich verzichten und systematisch mehr Gas einsetzen werden, was momentan auch dem politischen Willen entspräche. Gleichzeitig werden zwei (konkurrierende) Pipelines, die Ostsee- und die Nabuko-Pipeline, in Betrieb genommen, es werde in Europa mehr Flüssigkgas angeboten und der Bedarf werde vermutlich wieder steigen. Aufgrund dieser Lage könne eine Einschätzung der Entwicklung der Gaspreise nicht seriös erfolgen, weil es letzlich darauf ankäme, welche dieser Effekte zukünftig überwiegen werden. Gas wird kein knapperes Gut werden. Dr. Hahn vermutet, dass sich diese verschiedenen Effekte
letztlich die Waage halten könnten, man aber zunächst mit Prognosen noch etwas abwarten müsse. Die Konjunktur sei etwas strauchelnd, was aufgrund damit geringeren Bedarfs auch geringere Preise bedeuten könne. 

Energie-Nebenkosten


Dr. Hahn präsentierte eine Balkengrafik zur bisherigen, realen Entwicklung der Energiekosten und deren Nebenkosten von 1996 bis 2012. Sie gliedert sich in die Kosten für Energie, Netznutzung, Konzessionsabgabe, Kraft-Wärme-Kopplung (KWKG). erneuerbare Energien (EEG) und Stromsteuer. 

Die Grafik beschreibt eine Verdreifachung der Gesamtkosten (inklusive aller Abgaben und Steuern) zwischen 2001 (4,98 cent/kWh) bis 2011 (15,17 cent/kWh) und 2012 (15,74 cent/kWh). 

Die Entwicklung der Energiepreise sei für das einzelne Unternehmen weniger wichtig als die damit aufgrund unterschiedlicher Nebenkosten verbundene Wettbewerbsverzerrung. Zwischen Fankreich und Deutschland bestünde ein Strompreisunterschied von etwa 10 €/MW/h, der bei energieintensiven Produktionen durch andere Einsparungen nicht mehr auszugleichen sei. Das sei gegenüber anderen Ländern ähnlich. Der durch die Höhe der Energiekosten entstehende Wettbewerbsnachteil deutscher Unternehmen sei gigantisch. Wenn sich diese Situation weiter verschärfe, würde als erste die energieintensive Aluminium-Industrie Deutschland verlassen. 

Energiewende

für die deutsche Industrie

Mit der Energiewende soll den Risiken der Kernkraft und der Klima-Belastung (CO2) begegnet werden. Dr. Hahn erläuterte die Zusammensetzung der Luft, die wir atmen. Sie enthalte 78% Stickstoff (N2), 21%  Sauerstoff (O2), 0,9% Argon und 0,04% Kohlendyoxid (CO2). Das Ozon könne also keinen entscheidenden Einfluss auf den Klimawandel haben. Dennoch sei das Klimasystem hoch sensibel. Es lohne sich daher durchaus, über die Nutzung regenerativer Energien aktiv nachzudenken.

Zur Beurteilung der Bedeutung der Energiewende - insbesondere für den Industriebedarf - beschreibt Dr. Hahn in einer Grafik die Anteile der heutigen Energieträger an der Brutto-Stromerzeugung in 2010 (623,9 Mrd. kWh):

23% Kernenergie
23% Braunkohle
19% Steinkohle
16% Erneuerbare Energien
13% Erdgas
06% Sonstige

Man solle sich bewusst machen, dass wir bevor das letzte Kernkraftwerk in etwa 10 Jahren abgeschaltet, auf aktuell 47 % (Braunkohle 28% und Steinkohle 19%) der bisherigen Energieträger verzichten wollen. Bis heute sind bereits 18 Steinkohlekraftwerke auf Eis gelegt worden, weil sie nicht genehmigungsfähig waren. Wir werden gezwungen sein, diesen Anteil durch Gas und regenerative Energien zu ersetzen. Der deutsche Umweltminister behauptet, den Anteil regenerativer Energien bis dahin auf 40% erhöhen zu können - offenbar ohne dazu geeignete Fachleute anzuhören. 

Zur Wirtschaftlichkeit der erneuerbaren Energien (EEG) vergleicht Dr.Hahn den jeweiligen Anteil der Einspeisung mit dem entsprechenden Anteil der Einspeisevergütung:

Wind - Anteil 53% - Vergütung 34%
Biomasse - Anteil 29% - Vergütung 31%
Solarenergie - Anteil 9% - Vergütung 30%
Wasser - Anteil 6% - Vergütung 3%

Hier wird deutlich, dass die Solarenergie mit 9% Anteil an der EE-Erzeugung über 30% der gesamten regenerativen Förderung verbraucht. Die am wenigsten effiziente Energie schluckt den größten Teil der staatlichen Investitionen. Wenngleich noch keine dieser Energien wirtschaftlich ist, käme Wind- und Biomasseenergie der Wirtschaftlichkeit am nächsten. Die Windanlagen werden nach dem EEG degressiv gefördert (2010 mit 12 Mrd €). Deren Wirtschaftlichkeit ist aber stark vom jeweiligen Windaufkommen abhängig.

Diese Techniken sind es aber, die gemäß dem Umweltminister 35-40% des Energiebedarfs tragen sollen. Dr. Hahn stellt die Frage nach dem Einfluss dieser Planung für die Industrie.

Energiepreise


Dr. Hahn betrachtet eine für ein mittelständisch geprägtes Unternehmen zu erwartende Marktpreisentwicklung anhand einer bis 2020 hochgerechnete Entwicklung. Danach würde der Preis je kWh von 5 Cent in 2000 auf 13 in 2010 und in 2020 auf 27 Cent steigen. Das entspräche nochmals einer Verdoppelung in 10 Jahren. Ein wesentlicher Grund dafür sei die enorm teuren Gestehungskosten für erneuerbare Energien. Mit der in Deutschland chancenlosen Stein- und Braunkohle könnte Energie wesentlich wirtschaftlicher erzeugt werden. Dagegen sei der gute Brennstoff Gas sehr teuer.

Dem Unternehmer und Verbraucher werden die in diesen Preisen enthaltenen Nebenkosten stets verheimlicht. Darin seien allerdings auch die Kosten für den Transport der Elektroenergie (Netzaufbau) enthalten.

Laut Energieagentur würden in Deutschland etwa 3.000 km Leitungen für den Stromtransport fehlen. Die heutige Leitungsstruktur ist noch an dem Standortnetz für die bisherigen Kohlekraftwerke ausgerichtet. Dieses bisher gut ausgerüstete Netz ist inzwischen absolut ungeeignet, die Vielzahl neuer kleiner Anlagen für erneuerbare Energien einbinden zu können.

In diesem Sommer war wegen der unzureichenden Transportmöglichkeiten die Versorgungssicherheit in Deutschland mehrfach gefährdet. Ähnliche Signale kamen aus Frankreich und Italien. Für den erforderlichen Netzaufbau seien Investitionen in Milliardenhöhe erforderlich. Dr. Hahn ist dennoch überzeugt, dass es zu diesem Netzaufbau kommen werde.

Wir werden die Atomkraftwerke durch Gaskraftwerke und erneuerbare Energien ersetzen. Kohlekraftwerke haben offenbar keine Chance. Diese Entwicklung und ein Preisanstieg für Gas von ca. 30% gegenüber heute sind in der zuvor genannten Preishochrechnung enthalten.

Energiepolitik


Die Schweiz hat eine ähnlich "histerische" Entwicklung der Energiepolitik wie die Deutschen genommen. Die übrigen Länder der EU werden der deutschen Energiepolitik in diesem Ausmaß nicht folgen. Demzufolge werden die Energiekosten in Deutschland gegenüber den anderen Nachbarländern überdurchschnittlich steigen. Damit wird Deutschland überdurchschnittlich an Wettbewerbsfähigkeit verlieren.

Bei aller Befürwortung der neuen Techniken sei das große Manko der mit der deutschen Energiewende eingeschlagenen radikalen Kehrtwende, dass sie nicht auf eurpäischer Ebene abgesprochen war. Die deutsche Wirtschaft wird im Vergleich zu anderen Ländern deutlich an Wettbewerbsfähigkeit verlieren. Energieintensive global orientierte Produzenten (z.B. die Aluminiumindustrie) werden mit ihrer Produktion wegen der zu erwartenden Entwicklung der Energiepreise abwandern.

Das Energieproblem müsse als ein globales Problem verstanden werden. Um dieses Problem zu lösen, benötige man Zeit, Forschung und Geld. Die Herausforderung müsse sein, allen Bürgern und Unternehmen der Welt ausreichende, umweltgerechte und bezahlbare Energie bereitzustellen. Die Energiewende und die damit in Deutschland unvertretbare Verteuerung des Energiebedarfs könne sich weder ein Bürger in Deutschland, noch in Europa, noch auf der übrigen Welt leisten. 

Dr. Hahn warnt davor, zu glauben, was in Berlin politisch prognostiziert wird, entspräche auch der Wahrheit. Er glaubt aufgrund seiner Berufserfahrung nicht, dass die Industrie in Deutschland so mit Energie umginge wie vor 1972 nach der ersten Ölkrise. Wenn die großen Unternehmen ihre Energie-Effizienz um 30% steigern wollten, ginge das nur mit völlig neuen, noch nicht einmal erfundenen und erforschten Verfahren, wie Dr. Hahn am Beispiel der Stahlindustrie erläuterte.

Energiepolitik müsse nicht als Teil der Umweltpolitik, sondern als eigenständiger Politikbereich verstanden werden. Deutschland benötigt ein eigenes Energieministerium. Dr. Hahn wünscht sich darüber hinaus eine europäisch abgesprochene und einheitliche Energiepolitik. So könnte europäische Energiepolitik auch auf der ganzen Welt mehr bewirken. 

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